"Sehnsuchtsort Berlin" – Torgespräche im Max Liebermann Haus
"... ich war in Berlin, und das würde mich für immer verändern", befand der Brasilianer João Ubaldo Ribeiro im Jahr 1991. Sein Gastaufenthalt steht in einer langen Tradition: Seit die Ford Foundation 1963 das Berliner Künstlerprogramm und das Literarische Colloquium Berlin initiiert hatte – als Reaktion auf den Mauerbau –, hat eine Vielzahl namhafter Autorinnen und Autoren in der "Frontstadt“ des Kalten Krieges, der "Möchte-gern-Weltstadt"(György Konrád), der "sirenenstimmigen Traumstadt" (László F. Földényi) gelebt. Ob aus Ost oder West, Nord oder Süd, sie fanden und finden noch immer in Berlin ihre Wahlheimat.
Der "Ort für Zufälle", so Ingeborg Bachmann, eine der ersten Stipendiatinnen des Berliner Künstlerprogramms, brachte ausländische und hiesige Autoren, Verleger, Übersetzer und Journalisten zusammen, schuf ein einzigartiges Netzwerk und begründete lebenslange Freundschaften. Für die ungarische Literatur kam es so zum Wunder von Berlin. Man traf sich an den literarischen Fixpunkten – dem Literarischen Colloquium Berlin, der Akademie der Künste und der daadgalerie. Die Schriftsteller wurden zu einer festen Größe in der Berliner Kulturszene und ließen die Stadt sich in ihr Werk einschreiben: Péter Nádas’ "Buch der Erinnerung", Lars Gustafssons "Sigismund" und Cees Nootebooms "Berliner Notizen“ legen davon Zeugnis ab.
Die Torgespräche im Rahmen der Ausstellung "Beyond the Wall" spüren dem Leben und Schreiben in der geteilten und wiedervereinten Stadt nach. Die Berliner auf Zeit, einige von ihnen waren damals Exilanten oder Quasi-Emigranten, berichten aus der Ära der Mauer, der Umbruch- und Nachwendezeit und hinterfragen zusammen mit Kollegen aus dem einstigen Ostteil den "Mythos" Berlin.


Torgespräche zur Kunst
Stiftung Brandenburger Tor
Max Liebermann Haus, Pariser Platz 7, Berlin-Mitte
Beginn 20 Uhr, Eintritt Euro 3,-

Montag, 01.10.2007
In Zusammenarbeit mit dem ART FORUM BERLIN
Über das Gestalten von Orten
Ayşe Erkmen und Stephen Willats im Gespräch mit Britta Schmitz, Kuratorin der Ausstellung

Montag, 05.11.2007
Erinnerungen an das Berliner Künstlerprogramm
Vortrag und Gespräch mit Wieland Schmied, ehemaliger Leiter DAAD Berlin, und Britta Schmitz, Kuratorin der Ausstellung


Torgespräche zur Literatur
Stiftung Brandenburger Tor
Max Liebermann Haus, Pariser Platz 7, Berlin-Mitte
Beginn 20 Uhr, Eintritt Euro 3,-

Dienstag, 11. September 2007
Die ganze Stadt ist ein Zoo
Christoph Geiser, Michael Krüger, Adam Zagajewski
Moderation: Olaf Kühl

Die „Berliner auf Zeit“ berichten aus den 70er und 80er Jahren, der Hochzeit des Berliner Westens, als die Mauer ein unverrückbares Monument der Nachkriegszeit zu sein schien. Paradoxerweise entwickelte sich trotz politischer Großwetterlage und Isolation ein reges künstlerisches Leben; nicht zuletzt durch das Berliner Künstlerprogramm des DAAD entwickelte sich die Halbstadt zu einem Ort der Begegnung zwischen den Künsten und zwischen Ost und West. In seinem Essay „Im Freigehege“ bezeichnete Christoph Geiser (in Berlin 1983/84) kurzerhand die ganze Stadt als Zoo, während für Autoren aus Mittel- und Osteuropa, wie z.B. Adam Zagajewski (in Berlin 1979/80), der Weg in die deutschen Verlagslandschaft gebahnt wurde. Der Autor und Hanser-Verleger Michael Krüger ist als ständiger Beobachter der Berliner Literaturszene an diesem Prozess maßgeblich beteiligt.


Dienstag, 25. September 2007

Berlin liegt im Süden
Einar Kárason, Aris Fioretos, Hugo Hamilton
Moderation: Kristof Magnusson

Weithin bekannt ist, dass Berlin immer der Brückenkopf für Autoren aus dem Osten Europas war, doch auch für viele Künstler aus Nordeuropa wurde diese Stadt zum Ausgangspunkt ihrer internationalen Karriere. So wie um 1900 für Ibsen, Strindberg, Brandes und Munch Berlin Ort der Inspiration und des gesellschaftlichen Lebens war, übt diese Stadt nach wie vor eine ungebrochene Anziehungskraft auf Nordlichter aus. Der Schwede Aris Fioretos lässt in seinem Roman „Die Wahrheit über Sascha Knisch“ das Berlin der 20er Jahre auferstehen, der Deutsch-Ire Hugo Hamilton begibt sich auf autobiographische Erkundungen in „Gescheckte Menschen“, während Einar Kárason, der erfolgreichste zeitgenössische Autor Islands, nicht nur tief in die Berliner Literaturleben eintauchte, sondern auch in die hiesige Eishockeyszene.


Donnerstag, 25. Oktober 2007

Im surrealistischen Käfig der Freiheit
Dževad Karahasan, Péter Nádas, Yang Lian
Moderation: Maike Albath

Die Wahlberliner kamen jedoch nicht immer aus freien Stücken: Die Auswahl der DAAD-Gäste hatte neben dem ästhetischen Maßstab immer auch eine politische Dimension dergestalt, dass die Namensliste eine kleine Geschichte der totalitären Systeme der letzten 40 Jahre abbildet. So wurde Berlin zu einem Fluchtraum für Exilanten und Quasi-Emigranten aus allen Teilen der Welt. György Dalos nannte daher das Künstlerprogramm „die wichtigste Auslandsvertretung der inoffiziellen ungarischen Kultur“. Verfolgte Autoren kamen aber auch aus China, Griechenland, Südamerika und später auch aus dem ehemaligen Jugoslawien. An diesem Abend soll über die Bedingungen des Autorenlebens im Exil gesprochen werden.


Freitag, 26. Oktober 2007

Streifzüge durch die Bibliothek und andere Benjaminaden
Juri Andruchowytsch, Paul Nizon, Aleš Štege
Moderation: Peter von Becker

Die „Berliner auf Zeit“ berichten aus der Ära der Mauer, der Umbruchs- und Nachwendezeit. Eine der fruchtbarsten literarischen Lebensformen ist das Flanieren im Stadtraum. Von Robert Walser, übrigens ein gescheiterter Wahlberliner, ist der Satz überliefertt: „Ohne Spazieren wäre ich tot, und meinen Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, hätte ich längst preisgeben müssen.“ An diesem Abend mit Paul Nizon, Schweizer aus Paris (in Berlin 1982), Juri Andruchowytsch aus der Ukraine (in Berlin 2005/2006) und Aleš Šteger aus Slowenien (in Berlin 2005/2006) lesen und berichten von ihren Erkundungen auf den Spuren Walter Benjamins, der einst Berlin als eine von einem Fluß durchzogene Bibliothek bezeichnete.


Montag, 12. November 2007

Abschied von der Insel
László F. Földényi, João Ubaldo Ribeiro, Joachim Sartorius
Moderation: Gregor Dotzauer

Als das Wetterleuchten der Wende sich bereits am Himmel abzuzeichnen begann, lebte der Ungar László F. Földényi als Gast des DAAD in Berlin und notierte in seinem Berlin-Tagebuch im September 1988: „Ich blickte wie ein Schizophrener über die Mauer, stand gaffend hier, wohl wissend, dass mein Platz dort wäre, dass ich dorther gaffen müsste.“ Eine kurze Zeit später war eine historische Epoche an ihr Ende gelangt. An diesem Abend erinnern sich László F. Földényi, der Brasilianer João Ubaldo Ribeiro – 1990 eine Zeitlang Nachbarn im legendären Storkwinkel am Halensee – und der damalige Leiter des Berliner Künstlerprogramms und heutige Intendant der Berliner Festspiele, an die aufregenden Monate der Umbruchszeit.

Mittwoch, 28. November 2007

Nachrichten aus der geteilten Welt
Reinhard Jirgl, Katja Lange-Müller, Sibylle Lewitscharoff
Moderation: Thomas Geiger

Zum Abschluß dieser Veranstaltungsreihe sollen drei Berliner Autoren zu Wort kommen: die aus Stuttgart stammende Westberlinerin Sibylle Lewitscharoff, der Ostberliner Autor Reinhard Jirgl und die 1984 von Ost- nach West-Berlin umgesiedelte Katja Lange-Müller. Zusammen betrachten sie retrospektiv dieses merkwürdige Konstrukt Berlin unter alliierter Verwaltung von der jeweils anderen Stadthälfte aus. Sie berichten von Kontakten zwischen Autoren aus den beiden Stadthälften und der mythenumrankten Szene des Prenzlauer Berges. Außerdem wird der Frage nachgegangen, inwieweit Berlin als Kulisse nicht nur für das Leben, sondern auch für das eigene Schreiben tauglich ist.

Das Literaturprogramm zu „Beyond the Wall“ wird kuratiert von Nina Hartl (Berliner Künstlerprogramm des DAAD) und von Thomas Geiger (Literarisches Colloquium Berlin).


Musikprogramm
Akademie der Künste
Plenarsaal, Pariser Platz 4, Berlin-Mitte
Eintritt: Euro 10,- / erm. Euro 5,-

Konzerte mit Werken von Gästen des Berliner Künstlerprogramms (1964 – 2007)

Mit zahlreichen Konzerten und Portraits hat das Berliner Künstlerprogramm die eingeladenen Komponisten in der Stadt bekannt gemacht. Von Anfang an war die Akademie der Künste ein wichtiger Kooperationspartner, viele Konzerte am Hanseatenweg haben Geschichte geschrieben ...

Donnerstag, 22. November 2007, 20 Uhr
Pellegrini Quartett

György Kurtág 12 Mikroludien (1977)
Luigi Nono "Hay que caminar" soñando (1989) für zwei Violinen
Louis Andriessen Tuin van Eros (2002)
Clara Maïda Who holds the strings (2003)
Arvo Pärt Fratres (1977)

Sonntag, 2. Dezember 2007, 11 Uhr
Ensemble Modern

Gérard Grisey Solo pour deux (1981) für Klarinette und Posaune
Olga Neuwirth Torsion (2002) für Fagott solo und Elektronik
Steve Reich Triple Quartet (1999) mit Zuspiel-Band
Morton Feldman The Viola in My Life II (1970) für Viola solo
Mark André ...als... (2001) für Bassklarinette, Violoncello und präpariertes Klavier

Das Musikprogramm zu "Beyond the Wall" wird organisiert von Ingrid Beirer (Berliner Künstlerprogramm des DAAD) in Kooperation mit der Akademie der Künste.

Informationen: www.berliner-kuenstlerprogramm.de




Die Ausstellung

Video- und Filmprogramm

Internationale Schriftstellerkonferenz
(25. – 26. Oktober)



Ansprechpartner
für die Ausstellung:

Janet Alvarado
Tel: 22633016
janet.alvarado@
stiftungbrandenburgertor.de

für die Konferenz:
Anja Geiger
Tel: 22633027

anja.geiger@
stiftungbrandenburgertor.de


Information/Anmeldung Begleitprogramm:
Tel: 22633017

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