Das Stiftungsprogramm "Jugend übernimmt Verantwortung"
Auszug aus der Rede von Prof. Dr. Wolfgang Edelstein, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin und Beirat der Stiftung anläßlich der Preisverleihung 1998/1999
Der vollständige Vortrag ist in der Broschüre zum Wettbewerb 1998/1999 veröffentlicht.
Bei dem Programm "Jugend übernimmt Verantwortung" handelt es sich um ein längerfristig angelegtes Programm, das wohl in einem Wettbewerb gipfelt, aber nicht bloss ein Wettbewerb ist. Das Programm soll auf einen Notstand antworten, auf die Anzeige eines akuten Mangels, den Jugendliche in deutschen Schulen erleben. Das ist der Mangel an Gelegenheiten zu sinnerfülltem, selbstwirksamen und zukunftsorientiertem Handeln in eigener Verantwortung. Das Programm der Stiftung Brandenburger Tor der Bankgesellschaft Berlin sucht nachhaltige Antworten auf dieses Defizit. Sie will sinnvolles, selbstinitiiertes und selbstverantwortetes Handeln von Individuen und Gruppen fördern; sie will zukunftsfähige Projekte junger Leute fördern; sie will Lernprozesse fördern, die zu solchen Projekten führen; und sie will Schulen fördern, die ihren Schülern Gelegenheit zu gemeinsam verantwortetem Handeln in zukunftsorientierten Projekten geben. Sie hofft - und will dazu beitragen - dass dieses Programm Schule macht.
"Jugend übernimmt Verantwortung" heisst dann vor allem, dass Jugendliche die Erprobung ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte im Dienste einer vertretbaren, einer guten Sache suchen können. Die Stiftung hat einige Bereiche bestimmt, in denen sie solche von Jugendlichen unternommene Projekte fördern will: unternehmerische Initiativen, also wirtschaftliche Projekte, künstlerische oder handwerkliche Projekte, und nicht zuletzt soziale, d.h. gemeinschaftsdienliche Projekte. Und da Jugendliche im Alter von 14 bis 18 oder 19 Jahren, also in der Zeit, in der sie lernen müssen, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen, in der Regel Schulen besuchen, fördert die Stiftung vor allem Projekte in Schulen. Im Blick auf eine exemplarische Wirkung fördert sie zudem Schulen, die solchen Projekten einen zentralen, die Institution transformierenden Stellenwert einräumen. Mit dem selben Interesse fördert die Stiftung auch Projekte von Jugendgruppen, die sich um ein Vorhaben zusammenschliessen.
Aber Schule kann auch anders. Schulen wären sogar privilegierte Orte zur Demonstration der Tatsache, dass es auch ganz anders geht. Die Schüler sind zur Stelle, viele Tausend Stunden in den entscheidenden Jahren ihrer Entwicklung zu jungen Erwachsenen. Unter günstigen Bedingungen können sie lernen, selbstbestimmt und verantwortungsvoll zu handeln. Es gibt Lehrer, die bereit sind, mit ihren jugendlichen Schülern gemeinsam Projekte zu entwickeln, sie auf ihrem Weg zu Selbsttätigkeit und handlungsbezogener Erkenntnis in konstruktiven Lernprozessen zu fördern. Und es gibt, am Rande der Schule und in der freien Jugendarbeit, Erzieher und Sozialpädagogen, die darin ihre Aufgabe sehen.
Dies ist der Zusammenhang, in dem die Stiftung Brandenburger Tor der Bankgesellschaft Berlin ihren Beitrag leisten will. Sie bietet Jugendlichen Anreize, in Bereichen, die nach den Szenarios der Zukunftsforscher die zukünftigen Strukturen der Arbeit bestimmen, Projekte zu entwickeln, die zukunftsfähiges Handeln einüben. Dazu gehören selbständige Tätigkeiten, die spätere berufliche Kontexte vorwegnehmen, nicht zuletzt im öffentlichen Dienstleistungsbereich. Dazu gehören ebenfalls eigenständige Beiträge, wie sie freiwillige Bürgerinitiativen erbringen. Dieser Bereich wird in Zukunft umso wichtiger, je mehr die staatliche Fürsorge für die Gestaltung des öffentlichen Raums zurückgeht.
In exemplarischen Fällen bietet die Stiftung indessen auch Schulen Anreiz, mit Schülern gemeinsam über Projekte nachzudenken, die die Entfaltung eigener Initiative unter Übernahme eigener Verantwortung fördern und dabei die Schule selbst von einem Ort passiven Lernens weiterentwickeln zu einem Ort, an dem Schüler und Lehrer gemeinsam eine produktive Lebenswelt entwickeln, in der sie sich beide deswegen wohl fühlen, weil sie beiden, Schülern und Lehrern, Gelegenheit zu konstruktivem Lernen und verantwortlichem Handeln bietet.
Diese Programmperspektive macht deutlich, warum es sich in unserem Fall nicht wie sonst üblich um einen Wettbewerb handelt, bei dem ein erster Sieger mit einem Preis gekrönt wird und, wie bei der Olympiade, ein zweiter und ein dritter Preis vergeben wird. Die Ausschreibung des Programms im Herbst 1998 ging an Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren in den Schulen und ausserhalb der Schulen. Über 200 Jugendgruppen und Schüler aller Schularten - von Sonderschulen über Hauptschulen, Realschulen, Berufsschulen, Gesamtschulen und Gymnasien - aus allen 16 Bundesländern in Ost und West haben die verschiedenartigsten Projekte und Vorhaben eingereicht. Darunter gibt es unternehmerische, künstlerische, handwerkliche, soziale und gemeindepolitische Projekte; es gibt Ideen engagierter Einzelner wie die fortlaufende Dokumentation von Jobs und Ausbildungsmöglichkeiten für Kontingentflüchtlinge in Brandenburg oder die Idee eines Gymnasiasten in Sachsen-Anhalt, die Musik von Obdachlosen auf der Strasse auf CD aufzunehmen und zu deren Unterstützung zu vermarkten. Es gibt Gruppenprojekte wie das Projekt der Chor- und Orchestermitglieder der Realschule in Wildeshausen, die den fehlenden Musiklehrer kurzerhand durch die selbstorganisierende Eigeninitiative der Gruppe ersetzte. Es gibt die Initiative einer Gruppe von Hauptschülern, abgelegte Kinderfahrräder zu sammeln, zu reparieren und an Kinder in sozial benachteiligten Lagen einer hessischen Stadt weiter zu geben, und es gibt das Projekt einer Gruppe von Realschülern aus Durlach, für alte Leute einen Computerkurs mit individuellen Tutoren für jeden Lerner einzurichten. Da richtet eine Jugendgruppe im Hohenlohischen ein Sorgentelefon für Jugendliche ein, und ein Informatikkurs einer Realschule im Mecklenburgischen eine Firma, die homepages für die heimatlichen Industrien fachmännisch und ästhetisch überzeugend erstellt. Dies alles sind eindrucksvolle Beispiele gelungener Initiativen, die von Jugendlichen selber verantwortet werden - manchmal in Kooperation, gelegentlich zweifellos unter Führung sachverständiger Lehrer und erfahrener Sozialpädagogen. Da gibt es vermutlich nicht das einzig beste Projekt und das zweitbeste und drittbeste, wie es die Bestleistung in einer olympischen Disziplin gibt, sondern typische Repräsentationen einer breiten Skala von Initiativen und Projekten, die der sachverständigen Jury und der Stiftung förderungswürdig erschienen, und die wir zum Weitermachen ermuntern und anderen Gruppen und Schulen zur Anregung und als Modelle bundesweit und darüber hinaus bekanntmachen wollen. Folglich wurden breite und demonstrative Kategorien für exemplarische Leistungen auf unterschiedlichen Gebieten künstlerischen, wirtschaftlichen und sozialen Handelns auf unterschiedlichen schulischen Niveaus gebildet, die symbolisch durch drei erste Preise, sechs zweite und zwölf dritte Preise repräsentiert werden. Das sind insgesamt 21 Preisträger aus allen Schularten und vielen Bundesländern, insgesamt recht genau zehn Prozent der Teilnehmer und insofern eine repräsentative Stichprobe, obwohl es zugleich die besten, einleuchtendsten und vorbildlichsten Projekte sind. Dennoch hätte die Jury gern weitere Projekte hervorgehoben, denn es gab noch viele schöne und überzeugende Projekte, die Aufmerksamkeit verdient hätten.
Die Stiftung Brandenburger Tor der Bankgesellschaft Berlin verfolgt im Rahmen dieses Programms freilich noch weitere Aufgaben. Hier sollen nur einige Bausteine und Überlegungen zu dessen Weiterentwicklung genannt werden: die weitere Entwicklung und Förderung einer Anzahl von Vorhaben auch jenseits der Projekte der Preisträger, deren Begleitung und Evaluierung; die Förderung ausgewählter Schulen in Berlin und Brandenburg, die in einer die Schule insgesamt prägenden Weise Projektarbeit im Sinne des von der Stiftung geförderten Programms betreiben; die Koordinierung und Bekanntmachung der Projekte im Internet und die Bildung von Netzwerken, in denen verwandte Vorhaben kooperieren können; die Entwicklung projektbezogener Lehrerfortbildungsmodule; und schliesslich die Auslobung weiterer Wettbewerbe, die die Erfahrung aus diesem ersten Wettbewerb nutzen.

