Jugendliche im Alter von 12 bis 14 Jahren haben Bedürfnisse und Verhaltensweisen, die sich stark von jüngeren Kindern oder älteren Jugendlichen unterscheiden. Sie befinden sich in einer sehr labilen Lebensphase, dem Übergang von der Kindheit zur Jugend. Die starken körperlichen und geistigen Veränderungen in diesem Alter führen dazu, dass sie oft unsicher und verletzlich sind, sich gleichzeitig aber auch selbst überschätzen. In der Freundesgruppe und im ständigen Gespräch geht es nun um zwischenmenschliche Beziehungen, besonders zwischen den beiden Geschlechtern. So groß auch der Drang nach ständiger Kommunikation in diesem Alter ist, richtige Erfolgserlebnisse haben Jugendliche, wenn sie ihrem Alter entsprechend Verantwortung übernehmen können, etwas produzieren und sich selber in den Ergebnissen ihrer Arbeit ausdrücken können.
Dies können in dieser sensiblen Übergangsphase praktische Tätigkeiten und daran anknüpfende Reflexionen sein, aber auch andere Bewährungssituationen. Große Herausforderungen unter der Anleitung von anerkannten erwachsenen Experten werden von Jugendlichen mit sichtbarer Freude und besonders ausdauernd angenommen.
In jüngster Zeit ist die Diskussion um eine jugendgerechte Erziehung in dieser schwierigen Übergangsphase neu belebt worden, besonders durch die nachweisbar hohe Schulunlust vieler Jugendlicher und die auch daraus folgenden schwachen Leistungsergebnisse. Es wird immer deutlicher, dass junge Menschen ihr persönliches kreatives Potential unter kollektiver Belehrung nicht optimal entwickeln können.
Seit langem gibt es Reformkonzepte. Nach Montessori sollten Jungen und Mädchen im Alter von 12 bis 14 Jahren unter der fachkundigen Anleitung von Erwachsenen auf dem Land leben und einen Bauerhof mit Tierhaltung und Anbauarbeiten sowie einen Laden und einen Gasthof möglichst selbstständig führen. Die für diese Arbeiten anfallenden Tätigkeiten sind im weitesten Sinne „Fächer übergreifend“, alle klassischen Schulfächer fließen in die notwenigen und verantwortungsvollen landwirtschaftlichen, handwerklichen, gastronomischen und ökonomischen Tätigkeiten ein. Die Arbeiten sind mehr oder weniger exemplarisch, d.h. die Jugendlichen betreuen nicht Viehherden sondern kleine Gruppen von Tieren, sie erwirtschaften Güter in überschaubarem Umfang, sie betreuen Gäste, bauen unter der Anleitung von Experten notwenige Behausungen, und sie verpflegen sich selbst. Vergleichbar anspruchsvolle und herausfordernde Projektarbeiten können auch im städtischen Raum unternommen werden. Jugendliche können auch dort Aufbau- und Unterstützungsarbeiten leisten und Verantwortung für sich selbst und andere übernehmen.
Auch Hartmut von Hentig fordert in seinem Buch „Bewährung – über die nützliche Erfahrung nützlich zu sein“ die „Entschulung der Schule“ für diese Altersgruppe. Er verdeutlicht den großen Wert praktischer Arbeit und erklärt wie die Schule selbst sich in der „Bewährungsstufe“ wandelt.
Die Arbeit in verschiedenen Projekten erfordert Interdisziplinarität. Zwischen den Disziplinen – also fächervermittelnd – lernen die Jugendlichen die vorgeschriebenen Lehrplaninhalte. So werden z.B. die mathematischen Lernziele für diese Altersstufe – Grundrechenarten, Bruch- und Dezimalrechnung, Prozentrechnung, Zinsrechnung, Gleichungen, Terme und Variablen, Sachaufgaben zur Proportionalität, lineare Funktionen, Datenerhebungen, Flächen-, Kreis- und Volumenberechnung, geometrische Darstellung von Körpern – grafische Dokumentation – bei der Akquise, Berechnung und Verwaltung eines Budgets, der Berechnung von Bauten oder der „Produktion“ von Gütern für einen Markt zu sinnfälligen Basisqualifikationen.
In ähnlicher Weise lassen sich auch die anderen fachlichen Inhalte der Lehrpläne auf die Projektarbeiten beziehen.
Die Montessori-Schule Potsdam hat ein Gelände am Schlänitzsee, nördlich von Potsdam, gepachtet. Auf dem ehemaligen Feriengelände für Mitarbeiter der Staatssicherheit sind vielfältigste Rekultivierungsmaßnahmen vorgesehen.
Dieser Ort bietet Optionen für viele konkrete Handlungsfelder. Dort kann man, trotz vieler Auflagen im Landschaftsschutzgebiet, mit einer Jugendschule beginnen. Im Laufe des Projekts müssen andere Orte hinzukommen.
An dem Projekt nehmen Jugendliche mit unterschiedlichen Erfahrungshorizonten und kulturellen Hintergründen teil. Die Montessori-Schule Potsdam und die Heinrich-von-Stephan Oberschule Berlin haben im Schuljahr 2008/2009 mit einer Kooperation begonnen. Beide Schulen haben mit gegenseitigen Schüleraustauschen bereits positive Erfahrungen gesammelt. Die internationale Zusammensetzung der Stephan Oberschule trifft dabei zeitweise auf die SchülerInnen der Montessori-Oberschule, die Jugendliche mit sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen im gemeinsamen Unterricht integriert.
Jeweils die 7. und 8. Jahrgangsstufen arbeiten in diesem Projekt zusammen, teilweise nach Lerngruppen und Schulen getrennt, teilweise nach Themenbereichen und Interessenschwerpunkten gemischt.
Die Leitung der Praxisphasen wird von ausgewiesenen Experten übernommen. Die jeweiligen KlassenlehrerInnen begleiten ihre SchülerInnen.
Mittelfristig verbringen die Jugendlichen die 7. und noch Teile der 8. Jahrgangsstufe während der Woche an ihren Projektorten. Neben der konkreten Arbeit findet regelmäßig auch Unterricht statt, in dem „die Kenntnisse und Fertigkeiten der formalen Schulfächer in sportlicher Form „wachgehalten“ werden.“ Ein Morgenexerzitium, sich erinnern, nicht vergessen“, so von Hentig.
Leitideen des Projekts
Die „Pädagogik des Ortes“ findet vorwiegend außerhalb von Schulräumen statt.
Für einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren arbeiten die Jugendlichen unter der Anleitung von Experten und LehrerInnen in der Natur oder im städtischen Raum in verantwortungsvollen Projekten.
Dabei lernen sie eigene und echte Fragen zu stellen, die sich aus den konkreten Tätigkeiten, an den Herausforderungen und aus dem Zusammenhang ergeben.
(Beispiel: die gesamte Gruppe täglich zu verpflegen, einen Baum zu fällen, Tiere zu halten, einen Brunnen zu bauen etc.)
Durch primäre Erfahrungen, besonders im Handwerk, können die Jugendlichen die Kulturgeschichte am eigenen Leib nachvollziehen. Sie entwickeln ein Verständnis für die historische Entwicklung der Zivilisation.
Themenprojekte entstehen aus Notwendigkeiten, nicht aus einem von außen angetragenen Curriculum. Tätigkeiten werden als Notwendigkeit erkannt. In der Auseinandersetzung mit den Dingen entstehen echte Fragen.
(Beispiel: Wenn man für die eigene Verpflegung verantwortlich ist, kann man echte Fragen zu Ernährung stellen.)
Der Lebensraum wird zum Lernraum, der nur in einem sorgfältigen und abgestimmten Umgang die Bedürfnisse der Gemeinschaft befriedigen kann.
Übung und körperliche Bewegung stehen im Mittelpunkt des Projekts.
Die Lust am Üben in der handwerklichen Tätigkeit und an der konstanten Bewegung zu wecken, ist Grundlage für fundierte kognitive Arbeiten. So können Mut, Angstfreiheit und innere Sicherheit entstehen.
Die eigenen Bedürfnisse an denen der anderen zu spiegeln und in einen dauerhaften Abwägungs- und Auseinandersetzungsprozess zu kommen, ist ernsthafte und gewollte Basis aller Arbeitsprozesse.
Genau und viel zu sprechen, Absprachen zu treffen, die auf Beobachtungen und der Reflexion des konkreten Tuns beruhen, führt zu einer authentischen Kommunikation.
Die zeitweise Loslösung vom Elternhaus bei einer intensiven Begleitung durch pädagogisches Fachpersonal entspannt die Beziehung zwischen Eltern und Jugendlichen.


